Sozialmedizin 1920 bis 1945

Mit steigendem Wissensstand um soziale Prädiktoren von Krankheiten entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus der bereits eigenständigen Wissenschaft der „Hygiene“ die „Sozialhygiene“ (Schagen 2006). Zeitgleich entstand auch der Begriff „Soziale Medizin“. Das eigenständige Profil erhielt dieses Fach durch Alfred Grotjahn (Schallmeyer 1914). Grotjahn, 1869 als Sohn einer niedersächsischen Arztfamilie geboren, studierte von 1890-1896 Medizin an den Universitäten Greifswald, Leipzig, Kiel und Berlin, und arbeitete zunächst als niedergelassener, praktischer Arzt in Berlin. Hier, sowie auf Reisen nach London und Paris 1902 gewann er Eindrücke von der gesundheitlichen Lage der Großstadtbevölkerung. Grotjahn verstand als Ziel der Sozialhygiene vor allem die Prävention von Krankheiten. Er integrierte hierbei das damals populäre Gedankengut der praktischen Eugenik in sein Konzept einer bevölkerungspolitischen Anwendung der Prävention (Ferdinand 2007). 1912 wurde Grotjahn Privatdozent für Hygiene und Leiter der Abteilung für Sozialhygiene am Hygiene-Institut der Universität in Berlin. 1920 erlangte er trotz des Widerstandes der überwiegenden Mehrheit des Fakultätsrates, die ein Ordinariat für Sozialhygiene für überflüssig hielten, die Professorenwürde und war damit der erste und damals einzige Ordinarius für Sozialhygiene in Deutschland (Grotjahn 1932; Kaspari 1989).

Der Nationalsozialismus unterbrach die wissenschaftliche Entwicklung der Sozialhygiene für viele Jahre. Nach dem Tod von Grotjahn 1931 ließ das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung das Ordinariat vakant, erteilte jedoch zur Fortsetzung des Unterrichtes einen Lehrauftrag an Benno Chajes (Weder 2000). Bis zur Beurlaubung von Chajes 1933 durch das Ministerium verschwand der Stamm von Grotjahn-Schülern rasch im Zuge der politischen Entwicklung in Deutschland. Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 und dem „Deutschen Beamtengesetzes“ 1937 konnten Beamten aus politischen oder rassischen Gründen entlassen werden (Reichsgesetzblatt 1, Berlin 1933; 5). Als Folge wurde bis zum Jahre 1938 ein Drittel aller Lehrkräfte ausgewechselt, bis 1945 bereits 45%, die fast alle in der Folgezeit zur Auswanderung gezwungen wurden (Samuel u. Hinton 1949; Pross 1955). Ein großer Teil der Teilnehmer waren Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft bzw. politisch dem linken Lager zugehörig. Mit wachsendem Einfluss der Nationalsozialisten wurden viele von ihnen verhaftet, ermordet oder ins Exil getrieben, so auch die Grotjahn-Schüler.

1933 wurde Franz Schütz zum Außerordentlichen Professor für Sozialhygiene sowie zum Leiter des Sozialhygienischen Seminars ernannt und übernahm bis 1940 die Lehrveranstaltungen. Ebenfalls 1933 wurde Fritz Lenz zum Ordinarius für Rassenhygiene ernannt und richtete in den Räumen des Sozialhygienischen Seminars das Institut für Rassenhygiene ein. Er übernahm auch die Abteilung für Rassenhygiene des „Kaiser Wilhelm Institut für Anthropologie“ (KWIA). Die Rassenhygiene wurde mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zur Leitwissenschaft.

Die jüdischen Wissenschaftler Franz Goldmann, Miron Kantorowicz, Alfred Korach und Georg Wollf, ehemalige Mitarbeiter von Alfred Grotjahn, waren in unterschiedlichen Public Health Bereichen in den USA tätig und hatten relativ erfolgreiche Karrieren.

Goldmann war Fellow am „Dept. of Public Health“ an der Yale University, wo er eine neue Unterrichtsmethode etablierte, ab 1941 unter dem Namen „Medical Care in Modern Society. Social and Economic Aspects in Medicine“ anerkannt. In den USA war er einer der ersten, der eine komplexe Analyse des Gesundheitswesen vornahm und Vorschläge zu einer gesetzlich verankerten Sozialversicherungspflicht.

Alfred Korach begann seine Lehrtätigkeit am „Massachusetts Institut“ in Cambridge, USA, und wechselte 1939 als „Assistent Professor“ für Öffentliches Gesundheitswesen an die Universität von Cincinnati/Ohio. Er publizierte über soziale und ökonomische Einflussgrößen auf die Gesundheit der Menschen.
Miron Kantorowicz arbeitete ab 1940 in den USA als „Research Fellow“ im Bereich „Biostatistics“ von der „Milbank Memorial Foundation“ in New York. 1942 wechselte er an die „American University“ in Washington, später zur Armee als „head of the Slavic and Balkan Unit“ an der Abt. für Präventivmedizin des “Office Surgeon Generale des U.S. Dept. Army“ und ab 1954 als Leiter der „East European Section,  Med. Information und Intel. Div.“

Georg Wollf begann in den USA mit einer Lehr- und Forschungstätigkeit an der „Johns Hopkins University“ in Baltimore im Bereich des Public Health. Ab 1941 wirkte er am “National Institute of Health“, NIH in Washington, später an der „Carnegie Institution“ an der Abteilung für Genforschung in Cold Springs Harbor, Long Island in New York. Von 1949 bis 1952 war Wollf für die „Medical Intellegence Branch of the Army Surgeon General`s Office“ tätig. 1952 veröffentliche Wollf unter dem Titel „The Social Pathology as a Medical Science“, eine umfassende Analyse der amerikanischen Entwicklung des Public Health unter Aufgreifen von Grotjahns Erbe (Willich et al. 2007; Etzold 2007).

Literatur:
Schagen U, Schleiermacher S. 100 Jahre soziale Medizin in Deutschland. Gesundheitswesen. 2006;68:85-93
Schallmayer W. Sozialhygiene und Eugenik. Z Sozialmed 1914;V.
Ferdinand U. Der Weg Alfred Grotjahns (1869-1931) zum „faustischen Pakt“ in seinem Projekt der Sozialen Hygiene. Gesundheitswesen 2007;69:158-164
Grotjahn A. Erlebtes und Erstrebtes: Erinnerungen eines sozialistischen Arztes/Alfred Grotjahn. Berlin: Kommissions-Verlag. 1932: 284
Kaspari C. Alfred Grotjahn (1869-1931) - Leben und Werk. Dissertation. Bonn. 1989
Weder H. Sozialhygiene und pragmatische Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik am Beispiel des Sozial- und Gewerbehygienikers Benno Chajes (1880-1938). In: Winau R, Bleker J (Hrsg.) Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaft, Heft 87. Husum: Matthisen Verlag. 2000.
Samuel RH, Hinton T. Education and Society in Modern Germany. London. 1949
Pross H. Die deutsche akademische Emigration nach den Vereinigten Staaten 1933-1941. Berlin: Duncker & Humblot. 1955
Willich SN, Etzold K, Berghöfer A. Emigration von Sozialmedizinern der Berliner Charité in die USA - Karrieren der Schüler Alfred Grotjahns. Gesundheitswesen 2007;69:694-698
Etzold K. Dissertation „Exodus der Sozialmedizin in den dreißiger Jahren von Berlin in die USA - das Erbe Alfred Grotjahns“. Charité - Universitätsmedizin Berlin, 2007